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Das CEO-Paradoxon: Warum Ihr Erfolg Sie blind macht

Zersprungener Spiegel mit verschwommener Silhouette

Je höher Sie in der Hierarchie steigen, desto seltener hören Sie die Wahrheit. Das ist kein Versagen Ihrer Mitarbeiter – es ist ein Systemeffekt. Und er macht Sie mit jedem Karriereschritt anfälliger für Fehleinschätzungen.

Die Illusion der Selbstwahrnehmung

Tasha Eurich hat in ihrem Buch Insight eine ernüchternde Erkenntnis formuliert: 95% aller Menschen glauben, selbstbewusst zu sein. Nur 10-15% sind es tatsächlich. Die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild ist bei Führungskräften besonders ausgeprägt – weil sie weniger korrigierendes Feedback erhalten.

Daniel Kahneman beschreibt in Schnelles Denken, Langsames Denken den Confirmation Bias: Wir suchen instinktiv nach Informationen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. An der Spitze verstärkt sich dieser Effekt. Wer widerspricht dem CEO? Wer bringt die unbequeme Nachricht? Die meisten filtern – bewusst oder unbewusst – was nach oben kommuniziert wird.

Das Ikarus-Paradoxon: Wenn Stärke zur Schwäche wird

Danny Miller hat in The Icarus Paradox ein faszinierendes Muster beschrieben: Unternehmen scheitern oft nicht an ihren Schwächen, sondern an ihren Stärken. Das, was sie erfolgreich gemacht hat, wird zur Falle, wenn sie es übertreiben oder zu lange daran festhalten.

Für CEOs gilt dasselbe Prinzip. Die Eigenschaften, die Sie nach oben gebracht haben – Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen, Entscheidungsfreude – können zur Blindheit führen, wenn sie nicht durch kritische Reflexion ausbalanciert werden. Sie haben gelernt, Ihrem Urteil zu vertrauen. Aber Ihr Urteil basiert auf Informationen, die möglicherweise gefiltert, geschönt oder unvollständig sind.

Sie brauchen keinen Coach, der nickt. Sie brauchen Sparring.

Die Lösung liegt nicht in mehr Selbstreflexion – zumindest nicht allein. Das Problem mit Selbstreflexion ist, dass Sie dabei auf Ihre eigenen Wahrnehmungsmuster angewiesen sind. Es braucht einen externen Gegenpart. Jemanden, der Metakognition ermöglicht – das Denken über das eigene Denken. Jemanden, der kognitive Dissonanz erzeugt, statt sie zu glätten.

Drei Ansätze, die helfen:

1. Suchen Sie sich einen „Hofnarren". In mittelalterlichen Königshäusern war der Narr der Einzige, der dem König ungestraft die Wahrheit sagen durfte. Moderne CEOs brauchen jemanden, der diese Rolle übernimmt – sei es ein vertrauter Berater, ein Sparringspartner oder ein Beiratsmitglied ohne politische Agenda.

2. Fragen Sie „Was", nicht „Wie". Eurich hat festgestellt, dass „Warum"-Fragen zur Selbstanalyse oft kontraproduktiv sind – sie führen zu Rationalisierung statt zu Erkenntnis. Besser: „Was genau ist passiert? Was habe ich übersehen? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?"

3. Erinnern Sie sich an Marshall Goldsmiths Regel. In What Got You Here Won't Get You There zeigt Goldsmith, dass die Verhaltensweisen, die in einer Karrierephase funktioniert haben, in der nächsten oft hinderlich sind. Hinterfragen Sie regelmäßig, ob Ihre Erfolgsrezepte noch passen.

„Erkenne dich selbst" ist eine tägliche Aufgabe

Das Orakel von Delphi trug diese Inschrift nicht als einmaligen Rat, sondern als permanente Aufforderung. Für CEOs bedeutet das: Selbsterkenntnis ist keine Eigenschaft, die man einmal erworben hat. Sie ist eine Praxis, die aktiv gepflegt werden muss – gegen die natürliche Tendenz des Systems, Ihnen nach dem Mund zu reden.

„Der blinde Fleck des Erfolgs: Je besser es läuft, desto weniger sehen Sie, was fehlt."

Wir halten den Spiegel hoch. Auch wenn das Bild unbequem ist.

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